Zwei Wochen, 4.000 Kilometer und ein Kaffee, der nach Pappe schmeckt. Willkommen auf der Route 66.
Ich saß im letzten Frühjahr in einem Diner in Tucumcari, New Mexico, vor einer Tasse Kaffee, die schon drei Stunden auf der Warmhalteplatte stand, und habe einer deutschen Familie am Nebentisch zugehört, wie sie sich stritten. Sie hatten zehn Tage für die ganze Strecke eingeplant. Der Vater sagte: „Das schaffen wir." Die Mutter sagte nichts. Und ich dachte mir: Nein, das schafft ihr nicht. Nicht so, dass es hinterher nicht in einer Liste von abgehakten Sehenswürdigkeiten endet, an die sich niemand mehr erinnert.
Die Route 66 ist ein seltsames Ding. Sie ist offiziell tot, seit die Interstate-Highways sie ab Ende der 1950er-Jahre Stück für Stück ersetzten, und trotzdem fahren jedes Jahr Hunderttausende Menschen los, um ihr zu folgen. Sie ist 2.448 Meilen lang, also knapp 3.940 Kilometer, und sie führt durch acht Bundesstaaten. Und sie ist das beste Beispiel dafür, dass eine Straße mehr sein kann als Asphalt.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Route 66 verläuft von Chicago (Illinois) nach Santa Monica (Kalifornien) und ist rund 3.940 Kilometer lang.
- Für die komplette Strecke brauchen Sie realistisch zwei bis drei Wochen — in zehn Tagen wird es Stress statt Roadtrip.
- Nur noch etwa 85 Prozent des ursprünglichen Verlaufs existieren als eigentliche Route-66-Abschnitte, der Rest wurde von Interstates überbaut.
- Der schönste Abschnitt liegt meiner Meinung nach im Südwesten, zwischen New Mexico und Arizona.
- 2026 feiert die Straße ihr hundertjähriges Bestehen — sie wurde 1926 offiziell eingerichtet.
Route 66: die Straße, die Amerika erzählt
Warum ist die Route 66 so berühmt? Diese Frage höre ich ständig, und die ehrliche Antwort ist unbequem: nicht wegen der Landschaft. Die ist an vielen Stellen großartig, keine Frage, aber es gibt schönere Straßen in den USA. Die Route 66 ist berühmt, weil sie besungen wurde.
1946 nahm Nat King Cole „(Get Your Kicks on) Route 66" auf, ein Stück, das die Orte der Strecke einfach aufzählt — Flagstaff, Arizona, Winona, Kingman, Barstow, San Bernardino — und damit eine Melodie in die Köpfe von Millionen brachte. Später kam der Fernsehserie-Effekt dazu, dann John Steinbecks „Früchte des Zorns", in dem er die Straße als „Mother Road" bezeichnete. Und dann natürlich all die Leuchtreklamen, die Motels mit ihren Neonröhren, die Tankstellen mit den aufgemalten Preisen.
Was die Route 66 heute noch ausmacht
Das Ding ist: Die Straße hat früh verstanden, dass sie sich selbst vermarkten muss. Als die Interstates kamen und der Durchgangsverkehr verschwand, sind viele Orte an ihr schlicht verarmt. Tucumcari zum Beispiel hatte mal über 100 Motels entlang der Strecke. Heute sind es noch eine Handvoll, und manche davon stehen nur noch, weil ihr Besitzer sie liebt oder weil er sie nicht verkaufen kann.
Genau diese Mischung aus Verfall und Trotz macht den Reiz aus. Sie fahren nicht durch ein Freilichtmuseum, Sie fahren durch echte Orte, in denen echte Menschen wohnen, die sich entschieden haben zu bleiben. Ehrlich gesagt hat mich das bei meiner ersten Fahrt mehr beeindruckt als jeder Canyon.
Wann wurde die Route 66 eröffnet?
Die Route 66 wurde 1926 offiziell als Highway eingerichtet und war damit Teil des ersten großen US-Fernstraßennetzes. Die Idee ging wesentlich auf Cyrus Avery zurück, ein Mitglied der Highway-Kommission von Oklahoma, der dafür sorgte, dass die Strecke durch seinen Bundesstaat führte. 2026 feiert sie also ihr hundertjähriges Bestehen — ein runder Anlass, der viele Kommunen entlang der Strecke gerade zu Renovierungen und Veranstaltungen bewegt.
Wichtig zu wissen: Die Route ist längst offiziell außer Betrieb als Bundesstraße. Sie existiert nur noch als Sammlung von lokalen Straßen, die auf den alten Verlauf zurückgehen, und als Touristenattraktion. Das ist kein Nachteil. Es bedeutet nur, dass Sie ein gutes Navi und ein bisschen Geduld brauchen.
Wo beginnt und wo endet die Route 66?
Chicago, Illinois, ist der Startpunkt. Genauer: ein Schild an der Adams Street im Stadtzentrum, auf dem „Begin Route 66" steht. Es ist ein bisschen unspektakulär, ein Verkehrsschild zwischen Bürogebäuden, aber es ist der Punkt, an dem sich alle fotografieren. Am anderen Ende, in Santa Monica, Kalifornien, steht das Gegenstück am Santa Monica Pier, mit Blick auf den Pazifik.
Sie können in beide Richtungen fahren, und das ist keine Kleinigkeit. Wer in Chicago startet, hat die Great Plains vor sich, also erst mal viel flaches Land und lange gerade Straßen. Wer in Santa Monica startet, hat sofort Berge, Wüste und Küste. Ich habe beides gemacht und würde beim ersten Mal immer von Ost nach West empfehlen — der Höhepunkt kommt dann zum Schluss, nicht am Anfang.
Durch welche Bundesstaaten führt die Route 66?
Acht Stück, von Ost nach West:
- Illinois — Chicago und die Prärie dahinter
- Missouri — St. Louis mit dem Gateway Arch, danach wird es ländlich
- Kansas — nur ein kurzes Stück, ganze 13 Meilen, leicht zu verpassen
- Oklahoma — mehr Route-66-Meilen als jeder andere Staat, knapp 400
- Texas — der Texas Panhandle, karg und windig
- New Mexico — rote Felsen, alte Pueblo-Dörfer, meine Lieblingsetappe
- Arizona — Flagstaff, die Berge, und der Oatman-Abschnitt
- Kalifornien — Wüste, dann San Bernardino, dann der Ozean
Kansas ist übrigens der Staat, den die meisten übersehen, und das ist ein Fehler. Die 13 Meilen bei Baxter Springs gehören zu den am besten erhaltenen Stücken der ganzen Strecke, mit einer originalgetreuen Betonfahrbahn von 1920er-Jahren. Ich bin sie an einem Sonntagmorgen gefahren, ganz allein, und es war eine der stillsten halben Stunden meiner Reise.
Wie lange braucht man, um die ganze Route 66 zu fahren?
Kurz gesagt: zwei bis drei Wochen. Wenn Sie es eilig haben, gehen auch zehn bis vierzehn Tage, aber dann fahren Sie jeden Tag sechs bis acht Stunden und haben für die Orte unterwegs kaum Zeit. Und die Orte sind der Punkt.
Rechnen Sie lieber so: Bei einem gemütlichen Rhythmus legen Sie pro Tag rund 150 bis 200 Meilen zurück, also 240 bis 320 Kilometer. Das klingt wenig, ist aber genau richtig, weil Sie ständig anhalten werden. Ein verrosteter Wasserturm. Ein Diner mit selbstgemachtem Pie. Ein Laden, in dem ein 80-Jähriger Ihnen erklärt, wie sein Vater hier 1954 die erste Zapfsäule aufgestellt hat. Solche Gespräche kosten Zeit und sind das Beste, was Ihnen auf dieser Fahrt passieren kann.
Ein realistischer Zeitplan
Mein Vorschlag für 17 Tage, den ich selbst so gefahren bin:
- Chicago bis St. Louis: 3 Tage (mit Zwischenstopp in Springfield, Illinois)
- St. Louis bis Oklahoma City: 3 Tage
- Oklahoma City bis Amarillo: 2 Tage
- Amarillo bis Albuquerque: 2 Tage (unbedingt den Palo-Duro-Canyon mitnehmen)
- Albuquerque bis Flagstaff: 4 Tage — hier liegt der dichteste Teil der Sehenswürdigkeiten
- Flagstaff bis Santa Monica: 3 Tage
Diese Verteilung ist bewusst ungleich. Im Südwesten brauchen Sie mehr Zeit, im Osten weniger.
Welche Strecke der Route 66 ist die schönste?
Darüber streiten sich Route-66-Fahrer seit Jahrzehnten, und ich habe meine Meinung inzwischen gefestigt: New Mexico zwischen Tucumcari und Gallup. Grund: Sie bekommen dort alles auf einmal. Die roten Felswände, die alten Neonreklamen von Tucumcari, die noch original erhalten sind, die Pueblo-Siedlungen bei Acoma, und dazu eine Straße, die oft schnurgerade in die Berge hineinläuft und einfach nicht aufhören will.
Der berühmteste Abschnitt ist aber ein anderer: Oatman in Arizona. Die alte Bergbaustadt liegt auf einem Pass, und die Straße dorthin ist eng, kurvig und voller Haarnadelkurven. Ehrlich gesagt hatte ich vorher Respekt davor, weil mir mehrere Leute gesagt haben, wie gefährlich das sei. War es nicht. Aber man sollte nicht unterschätzen, wie schmal die Strecke ist — mit einem großen Wohnmobil würde ich sie nicht fahren. Mit einem normalen Pkw ist sie problemlos, und die Aussicht oben ist großartig.
Welche Abschnitte Sie sich sparen können
Kontrovers, aber meine Meinung: Der Abschnitt durch die Vororte von Los Angeles, also alles ab San Bernardino bis Santa Monica, ist zäh. Sie fahren durch Gewerbegebiete, an Lagerhallen vorbei, im Berufsverkehr. Ich habe das beim ersten Mal gemacht, weil ich das Gefühl wollte, „anzukommen". Beim zweiten Mal habe ich in San Bernardino aufgehört und bin von dort direkt zum Flughafen. Es fehlt mir nichts.
Die Route 66 heute: zwischen Legende und Realität
Was Sie vorher wissen sollten: Die Strecke ist nicht durchgehend beschildert. In manchen Bundesstaaten ist sie hervorragend markiert, mit kleinen Schildern und historischen Markierungen auf der Fahrbahn. In anderen verlieren Sie sie alle zwei Stunden. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, die Etappen vorher grob auf einer Karte zu markieren und mich dann treiben zu lassen. Wer sich sklavisch an eine Navigations-App hält, landet am Ende auf dem Interstate und merkt nicht mal, dass er die Route 66 verlassen hat.
Was die Sicherheit angeht: Gefährlich ist die Route 66 nicht. Sie ist eine ganz normale Landstraße durch eine der sichersten Regionen der Welt. Was Sie trotzdem beachten sollten:
- Tanken Sie früh. Auf manchen Abschnitten, besonders in Texas und im Osten New Mexicos, kommt die nächste Tankstelle erst nach 80 Kilometern.
- Fahren Sie in der Dämmerung nicht durch abgelegene Gebiete, nicht wegen Kriminalität, sondern wegen Wildtieren. Rehe und Wildschweine auf der Fahrbahn sind die reale Gefahr.
- Halten Sie Handyempfang als Glückssache. In Teilen von Arizona und im Texas Panhandle haben Sie stundenlang kein Netz.
| Abschnitt | Empfohlene Zeit | Höhepunkt |
|---|---|---|
| Chicago – St. Louis | 3 Tage | Alte Tankstellen in Illinois, Gateway Arch |
| St. Louis – Oklahoma City | 3 Tage | Baxter Springs in Kansas |
| Oklahoma City – Amarillo | 2 Tage | Texas Panhandle, Palo Duro Canyon |
| Albuquerque – Flagstaff | 4 Tage | Neonreklamen, Pueblo-Siedlungen, Oatman-Pass |
| Flagstaff – Santa Monica | 3 Tage | Wüste, dann der Pazifik |
Warum Sie nicht zu viel planen sollten
Ein Fehler, den ich bei meiner ersten Fahrt gemacht habe: Ich hatte jeden Abend ein Motel vorgebucht. Klingt vernünftig, war es aber nicht. Zweimal bin ich am frühen Abend in einen Ort gekommen, an dem ich unbedingt hätte bleiben wollen — einmal in einer alten Tankstelle, die jemand in eine Bar umgebaut hatte, mit Livemusik und sechs Einheimischen — und musste weiter, weil 120 Kilometer entfernt ein Zimmer auf mich wartete.
Seitdem buche ich nur die erste und die letzte Nacht. Alles dazwischen ergibt sich. Das ist auf der Route 66 tatsächlich machbar, weil die Orte entlang der Strecke genau davon leben, dass Leute wie Sie vorbeikommen, und weil es auch in der Hochsaison immer irgendwo ein Zimmer gibt, wenn man nicht gerade an einem Feiertagswochenende in Flagstaff ankommt. (Was ich übrigens einmal gemacht habe. Ergebnis: 90 Minuten herumtelefoniert, am Ende ein Zimmer in einem Motel mit einem Teppich, den ich lieber nicht beschreiben möchte.)
Die Route 66 ist keine Straße, die man abhakt. Sie ist eine, die man fährt. Und dann noch mal fährt, an einer anderen Stelle, mit mehr Zeit. Die meisten, mit denen ich unterwegs gesprochen habe, waren nicht zum ersten Mal da. Fragen Sie sich am Ende einfach, was Ihnen von den 4.000 Kilometern am lebhaftesten in Erinnerung geblieben ist. Wenn es die Landschaft ist, haben Sie was falsch gemacht.